Sie kalauern um Heilbutt als Nazi-Fische, setzen einen unverständlichen Rap gegen ChatGPT und bespielen – selbstverständlich gebrauchtes – Elfenbein („also, vom Elefant gebraucht“): Auch wenn die beiden langsam stramm auf die 60 zugehen, sind Lars Niedereichholz und Ande Werner „Mundstuhl wie immer“ – zwei verrohte Pubertierende, gefangen im Körper angehender Senioren. Am vergangenen Samstag Abend gastierte das Trash-Comedy-Duo mit seinem seit Ende letzten Jahres laufenden 12. Bühnenprogramm „Wir kommen!“ in der Hockenheimer Stadthalle und konnte mit Altbewährtem seine vor rund 30 Jahren beim Frankfurter „Radio X“ gestartete unablässige Präsenz einmal mehr erneuern. Bis Ende des Jahres werden sie sich noch 40 Mal in eine pausenlose Eineinhalb-Stunden-Show stürzen, die zwar nichts Neues liefert, aber wie auch beim Auftritt in der Rennstadt dennoch beim Publikum verfangen wird.
Die Fanbase ist - mit den beiden Comedy-Bulldoggen gealtert – zwar bei weitem nicht mehr so zahlreich und so frenetisch wie dereinst, als die zwei passionierten Tabubrecher Säle aus allen Nähten platzen ließen und einen Hexenkessel der Fröhlichkeit anrührten, aber sie ist als Kombattant des schlechten Geschmacks fast ebenso verlässlich, wie die Doppel-Speerspitze der political incorrectness selbst: In froher Erwartung auf das laut hinausgekalauerte Unsagbare saugen die Mundstuhl-Jünger jeden noch so flachen Witz der beiden Klamauk-Brüder auf und quittieren ihn mit einem dankbaren Gelächter, das angesichts der Themen und des Gag-Niveaus bisweilen verblüffen kann.
Dabei scheint der Mundstuhler zeitlos: Von den in einer breit ausgewalzten „Sickroy & Fried“-Nummer geschmacklos derb verhöhnten Zauberern „Siegfried und Roy“, die ihre großen Zeiten in den 1990er Jahren hatten, hat man seit dem tragischen Unfall, der vor mehr als 20 Jahren die Karriere des Duos abrupt beendete, eigentlich nichts mehr gehört – beide sind seit Anfang der 2020er Jahre tot.
Die beiden archetypischen Ost-Mädels „Peggy & Sandy“ geistern seit Jahren als immer gleiche Schablone von den arbeitslosen, unterbelichteten Sex-Kameradinnen mit ständig neuen Verkehrs-Teilnehmern, mit denen diesmal eine Schamanenhochzeit am FKK-Campingplatz geplant wurde, durch die Shows. Und „Dragan & Alde“, die den Mundstuhl-Hype einst auf einen Höhepunkt führten, sind – diesmal im Kanack-Spraklichen Fachgesimpel über ihre neuen Ausbildungsplätze („Was machs Du, wenn Du nich weißt, wo Kabel ist“ – „Schau ich in mein Vokabelheft!“) – längst von der trainingsanzugsgebeutelten Talahon-Realität in den Schatten gestellt.
So war „Wir kommen!“ vom Streit-Opener zwischen Ande und Werner, ob nun KISS oder AC/DC geiler waren („Die hatten Pyro, da ist Dresden ‘45 ein Kindergeburtstag dagegen!“) bis zum Traumfrau-Liebeslied für die Klassenkameradin der Mutter „Pinkel bitte im Stehn“, das dem Publikum gleich auch noch die stehenden Ovationen abpresste, ein weitgehend vorhersehbares Wiedersehen mit dem cholerischen „Grillschorsch“, der heuer das Frauengrillen mit reichlich Aperol-Sprizz exerzierte, dem ständig am „Ausraste“ entlangschrammenden „Andi“, dessen „neue Alte“ diesmal 150 Kilo bei 1,52 mitbrachte – „Da is schon was dran!“ – und dem wie bereits beim letzten Programm „Kann Spuren von Nüssen enthalten“ zur Glanznummer avancierenden grenzdebilen Alternativen-Doppel von „No Pressure“. Malte und Torben haben diesmal als hauptberufliche Vogelhausschnitzer und Rindenmulchsammler ein Faultier durch Niedereichholz‘ Brustwarzen weinen lassen „Black Monstercocks Gangbang Teil 3“ zum Fanal für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung erhoben und den einzigen wirklich bemerkenswerten Beitrag zur Gesellschaftskritik beigesteuert: In Bangladesch seien die Schulen mit 60 Schülern pro Klasse und schlecht ausgebildeten und überforderten Lehrern in der Krise – „Alles wie in Deutschland. Aber die Kinder in Bangladesch sprechen alle die gleiche Sprache“.
Auch ihrem sorgsam gepflegten Image als die gnadenlosesten Tabubrecher haben sie gefrönt: „Mundstuhl! Wär ich froh gewese!“ stritten Ande und Lars: „Wir waren so arm, wir hatten nur Badesalz!“
Das Publikum hat gejohlt und damit einmal mehr gezeigt, worum es bei den hessischen Komiker-Knochenbrechern eigentlich geht: Sich mit unmöglichen Witzen – in diesem Fall über die Comedy-Kollegen, von denen der legendäre Gerd Knebel Anfang des Jahres verstorben ist – so etwas wie Freiheit zu erzwingen, sich von der allenthalben als zu engstirnig wahrgenommenen Woke-Tyrannei zu befreien und dem inneren Schweinehund massig Auslauf zu gönnen.
Malte und Torbens Lied „für einbeinig Amputierte – die zweibeinig Amputierten bitten wir jetzt mal, ein Auge zuzudrücken“ wird so vom niveaubefreiten unterirdischen Gag zur inneren Rebellion gegen alles, was man darf – und vor allem gegen alles, was das Nichtdürfen verlangen könnte.
Auf diese Weise wird Mundstuhl im Applaus seiner unerschütterlichen Zuhörer ein Bollwerk gegen die Konvention. Massentauglich und unterhaltsam, aber auch auf eine bewundernswerte Weise fragwürdig.