„Auf Wiedersehn, My Dear“ – melancholisch war 1934 der Abschied vom deutschen Publikum: Seit ihrem skurrilen Zusammenfinden 1927 hatten die „Comedian Harmonists“ einen beeindruckenden Höhenflug durchlebt und ein ganzes Kapitel Musikgeschichte geschrieben. Danach absolvierten sie eine Abschiedstournee durch Amerika (unter anderem an Bord des Flugzeugträgers USS Saratoga im Hafen von New York) und Skandinavien, bevor am 01. Mai 1935 im norwegischen Fredrikstad die Stimmen, die für eine ganze Dekade prägend waren, für immer verstummten. Die Reichsmusikkammer hatte den drei jüdischen Mitgliedern das Recht auf Berufsausübung entzogen, worauf eines der am nachhaltigsten bekannten Ensembles sich trennte. Harry Frommermann, der die epochale Gruppe mit einer lapidaren Zeitungsannonce zusammengeführt hatte, Roman Cycowski und Erich A. Collin emigrierten und gründeten im Ausland eine neue Gruppe namens „Comedy Harmonists“, die „arischen“ Mitglieder Robert Biberti, Erwin Bootz und Ari Leschnikoff in Deutschland das „Meistersextett“ – doch beide Ensembles konnten nie an die Erfolge der Comedian Harmonists anknüpfen.
Einen auch emotional anspruchsvollen Streifzug durch die Geschichte, die Charaktere und die großen Hits des Berliner Vokalensembles präsentierten am vergangenen Donnerstag Abend „The Real Comedian Harmonists“ (TRCH) in der Stadthalle. Die fünf Sänger um ihren musikalischen Leiter und Pianisten Florian Fries gaben dabei zwischen „Veronika, der Lenz ist da“, das in seiner Mischung aus Harmlosigkeit und Zweideutigkeit so etwas wie einen Markenkern der Harmonists ausmacht, und dem für den Abend titelgebenden „kleinen bisschen Glück“ aus „Irgendwo auf der Welt“ neben den großen Highlights wie dem „Kleinen, grünen Kaktus“ - noch heute ein Synonym für das Gesangs-Quintett mit Begleitung -, der gewitzten „Schönen Isabella aus Kastilien“ aus Erwin Bootz Feder oder Werner Richard Heymanns „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“ auch selten gehörte Schmuckstücke.
Gänsehaut-Garant das in der hochreinen, extrem harmonischen und unmittelbar wirkenden Interpretation der TRCH dem Original mehr als ebenbürtige „In stiller Nacht, zur ersten Wacht“, das auf ein geistliches Lied aus dem 17. Jahrhundert zurückgeht oder „Ein neuer Frühling wird in die Heimat kommen“. An dem 1933 veröffentlichten Titel, der in der Kritik als einer der umstrittensten der Harmonists gilt, wurde die notwendige Anpassung an die Vorgaben des NS-Machtapparats veranschaulicht; den Kunstgriff, Fritz Rotter, der noch im selben Jahr wegen seiner jüdischer Herkunft emigrieren musste, am Text zu beteiligen, wäre dabei durchaus eine Erwähnung wert gewesen, weil er eine markante Ambivalenz in den politischen Schablonen markiert.
Man mag es als eingefleischter Fan kritisieren, dass der Programmatik zuliebe auch Titel eingestreut wurden, die den sechs Ausnahme-Musikern gar nicht zugerechnet werden können. Darunter der „Revellers“-Titel „Dinah“, der einer Legende nach Harry Frommermann zum charakteristischen Harmonists-Stil inspiriert haben soll, Theo Mackebens „Bel Ami“, das erst 1939 im gleichnamigen Willi-Forst-Film von Lizzi Waldmüller prominent gesungen wurde, der Marlene-Dietrich-Song „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ oder „Man müsste Klavier spielen können“, dem Jopi Heesers 1941 zu Weltruhm verhalf.
Dem Publikum und ihrer Begeisterung hat das nicht geschadet, weil beispielsweise „Schau einer schönen Frau nicht so tief in die Augen“, das 1937 mit Fred Raymonds Operette „Maske in Blau“ welturaufgeführt wurde, herzzerreißend schön interpretiert wurde und fugenfrei passte – allenfalls den zwar vielbeklatschten, aber nur gefühlt „transformierten“ Hele-Fischer-Hit „Atemlos“ hätte man sich und der Welt ersparen dürfen.
Klanglich waren „The Real Comedian Harmonists“ ihren Vorbildern absolut treu: Den eigentümlichen, charaktervollen und unverwechselbaren Klang, der die 1920er mitprägte, haben die sechs Künstler dabei aber nicht einfach nur kopiert, sondern mit einer feinen, sich in Nuancen versteckenden persönlichen Note neu interpretiert. Seit sie sich 2019 am Stuttgarter Alten Schauspielhaus zusammengefunden haben und in über 50 ausverkauften, von zigtausend Zuschauern und der Presse gefeierten Vorstellungen an die großen Comedian Harmonists erinnerten, sind sie gemeinsam unterwegs. Und ihrer Passion treu geblieben. Die führt den ehemaligen Sänger beim Tölzer Knabenchor, Tobias Rusnak, den Luxemburger Loïc Schlentz, den Wiener Tom Schimon, den ehemaligen Windsbacher Knabenchor-Sänger Michael Rapke und – stimmlich fraglos das Highlight des Abends – den Berliner Bass Tobias Hagge mit Florian Fries, der Johannes Heesters von 2003 bis zu dessen Tod 2011 als Pianist begleitete, zusammen – zu einer höchst fruchtbaren, höchst hörbaren und höchst unterhaltsamen Musikgala um ein Ensemble, das 1998, einige Monate vor dem Tod des letzten lebenden Mitglieds, mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.
Zusammen waren TRCH das, was die Originale als ersten Namen überlegt hatten: Die Melody Makers.