„Bestelle in einer Bar ‘Berliner Weisse‘ – Kellner fragt, ob rot oder grün“ – ein fragender Blick ins Publikum, das mit spontanen Lachsalven reagiert. Ein perfektes Exempel, mit welchem Konzept der deutsch-türkische Comedian Serhat Doğan seit mehr als zwanzig Jahren sein „Comedy-Visum“ verteidigt: Das „deutsche Wesen“ ist durch die Brille eines – auch – türkisch geprägten Mannes eben immer wieder verwunderlich und wenn man den Spiegel vorgehalten bekommt, muss selbst der eingefleischte Teutone über die eigenen Macken schmunzeln. Oder herzhaft lachen – je nach Naturell.
So gesehen am vergangenen Freitag Abend, als Doğan im Neulußheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ zwei Stunden „Lachkräfte gesucht“ präsentierte – feinzüngig und analytisch, augenzwinkernd und höchst unterhaltsam.
Der heute 51-jährige Mann mit sehr charmanter Bühnenpräsenz ist einerseits ein beeindruckendes Beispiel gelungener Integration. Der in Köln geborene, mit sechs Jahren mit seinen Eltern nach İzmir ausgewanderte und 2004 ohne ein Wort Deutschkenntnisse zurückgekehrte Bühnenplauderer liebt die hiesige Kultur – und hat doch nicht verlernt, ihre Eigenheiten und Verwunderlichkeiten zu entdecken und pointiert auf den Punkt zu bringen: Mit gespielter Naivität kehrt er in seinem Programm zurück an den Neustart und wundert sich über Rechnungen („Geld von mir? Ich dachte, Telekom ist mein Freund“) und die damit verbundene Begegnung mit dem Gerichtsvollzieher, der den Fernseher rausträgt: „In der Türkei, wenn Du was klauen willst, kommst Du nachts. In Deutschland, die klingeln und geben Dir danach noch eine Quittung – was für eine Kultur!“
Andererseits hat diese gelungene Integration – irgendwie auch einem Türken-Klischee entsprechend – enge familiäre Hintergründe. Bei der Hochzeit seiner Schwester, der ebenfalls bekannten Regisseurin und Darstellerin Hülya Doğan-Netenjakob (bei „Stromberg“-Fans klingelt da schon etwas), wurde der damals noch Sport an der Ege Üniversitesi studierende Wanderer zwischen den Kulturen von den illustren Gästen des für seine Arbeit an den Drehbüchern zur Ralf-Husmann-Office-Serie mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichneten Moritz Netenjakob protegiert und erhielt – nachdem Hella von Sinnen, Cordula Stratmann und Marc Conrad Belobigungsschreiben an das Konsulat geschickt hatten – ein Visum ausschließlich dafür, Comedy zu machen.
Das macht der 2010 eingebürgerte Doğan, den man bei den „Mitternachtsspitzen“, „NightWash“ oder zuletzt bei „Rent a Pocher“ auch im Fernsehen erleben konnte, mit Charisma und viel Humor, der auch die Gäste in der Vier-Sterne-Gemeinde begeisterte.
Ob mit kleinen Lesungen aus seiner mit Käthe Lachmann veröffentlichten Autobiografie „Mein Visum war ein Witz: Mein Weg auf deutsche Bühnen“ oder mit einem Rundumblick zwischen den Wechseljahren seiner Gattin („Momentan bin ich gerne auf Tour. Man kann mich für alles buchen: Beerdigungen, Kindergeburtstage – ich trete umsonst auf!“), dem deutschen Standard-Touristen, der zwischen „Topflappenhäkeln bei Vollmond“ und der Rentner-Wiederbelebung des jungen Animateurs, den Oma zum Schwächeanfall getrieben hat, den 4. Weltkrieg beim Handtuch-Liegenreservieren ausmacht oder Geschichten über seine Liebe („Sabine arbeitet in der Hölle – aber Hölle heißt Montessori-Kindergarten“) – Serhat Doğan erzählt in seinem „Best of“ munter plaudernd, „was passiert, wenn ein Türke mit Grönemeyer-Songs Deutsch lernt, sich in eine deutsche Sozialpädagogin verliebt, und in Sachsen Baseball spielen will“.
Längen kennt das Programm allenfalls, wenn die etwas zu prominent eingesetzten Musik-Beispiele das ansonsten so effektvolle Stilelement des „verblüfft Schauens“ abnutzen: Mirja Boes‘ „Das sind nicht 20 Zentimeter“ hätte es am Schluss nicht gebraucht.
Ansonsten feuert der so höflich wirkende Geschichtenerzähler Pointen ins Volk, die auf subtile Weise zünden: Er ist keineswegs der „byzantinische Böhmermann“, wie die niedersächsische „Kreiszeitung“ einst teaserte, aber der „Eulenspiegel aus Anatolien“ ist er ganz gewiss – auf neckische Art hält Doğan den Spiegel vor, wenn er seine Rückkehr nach Köln in Schlaglichtern Revue passieren lässt („Menschen sind gar nicht besoffen – ist ihre Sprache“), in Hoyerswerda konstatiert „Leute nicht gesund – noch so jung und alle Haare verloren“, in Hamburg Udo Lindenberg wegen seines Genuschels belehrt und schließlich feststellt: „Beschneidung ist bei Deutschen kein gutes Thema – außer bei Hecken.“
Dabei ist der „unterdrückte türkische Mann“, der von Alice Schwarzer, Patentante seines Neffen, eine Visitenkarte mit den Worten „Wenn Sie Hilfe brauchen …“ zugesteckt bekommt, voll integriert: „Esse Schweinefleisch, trinke Alkohol – wenn ich sterbe, bekomme ich ohnehin keine Jungfrauen“. Und weltoffen obendrein: „Alah oder schwul, egal – Hauptsache kein Grieche“. Dass dahinter nicht einfach Gerede steht, kann er auch beweisen: „Ich bin bei der Prüfung vom Finanzamt mit Plus rausgekommen – ich habe sogar einen Thermomix!“
Mit beeindruckend kleinen Gesten und einer lebendigen Mimik sorgt Doğan auf einer spartanischen Bühne für eine Riesengaudi: „Habe in Berlin plötzlich perfekt Deutsch gelernt – merke, bin in Kreuzberg und spreche Türkisch“.
Politisch wird er dabei nur auf Aufforderung, dann aber in einem direkten Treffer gegen die AfD überdeutlich „Es gibt Idioten – die sind überall“, nur um „seine“ Deutschen schnell zu beruhigen: „Macht Euch keine Sorgen: Wir sind dreieinhalb Millionen Türken in Deutschland – wir werden Euch beschützen!“
Eine Doppelstunde Streifzug mit Serhat Doğan als Fremdenführer durch die deutschen Eigenarten, bei denen der „deutsche Ramadan“ als „Brigitte-Diät“ und Albert Einsteins Relativitätstheorie als Feststellung seines kinderreichen türkischen Onkels („Immer mehr Kinder – muss ein Zusammenhang zwischen Raum und Zeit geben“) enttarnt wird ist eine Offenbarung: „Gebrüder Grimm waren zwei Wochen zum Urlaub in Antalya und haben alle unsere Märchen geklaut!“ – zwei Kulturen und doch so nah.
20.02.2026
· Neulußheim
Kabarett & Comedy
Serhat Doğan
Die Grimms in Antalya und der Türke in Köln
Der deutsch-türkische Comedian Serhat Doğan reflektiert auf charmante und humorvolle Weise deutsche Eigenheiten aus der Perspektive eines Mannes mit türkischem Hintergrund. Sein Programm verbindet feinsinnige Beobachtungen mit persönlicher Geschichte und sorgt für beste Unterhaltung.