24.04.2026 · Hockenheim
Theater

DAKAR Produktion, Anna Karger, Delia Dahinden, Balts Nill, Ueli Balsiger, Lukas Roth

Bölls Kurzgeschichte als düstere Arbeitswelt-Collage

Das Ensemble DAKAR Produktion bringt mit „Im System“ eine atmosphärisch dichte Collage auf die Bühne, die Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Es wird etwas geschehen“ mit Puppenspiel, Live-Musik und Theaterfragmenten verbindet. Die Inszenierung reflektiert den absurden, entfremdeten Arbeitsalltag und die gnadenlose Realität jenseits von Work-Life-Balance – ein Stück, das mit subtiler Komik und bedrückender Stimmung zum Nachdenken anregt.


„Was machen Sie nach Feierabend? Meine Antwort: ‘Ich kenne das Wort Feierabend nicht mehr - an meinem fünfzehnten Geburtstag strich ich es aus meinem Vokabular, denn am Anfang war die Tat.‘ Ich bekam die Stelle.“ Programmatisches Ergebnis eines musealen Assessment-Centers, mit dem einer der bedeutendsten Autoren der Nachkriegsliteratur in seiner nur zweieinhalbseitigen Kurzgeschichte „Es wird etwas geschehen“ 1956 prophetisch den Arbeitsalltag unserer Gegenwart prognostizierte: Um den titelgebenden Imperativ rankt der 1972 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Böll den hektisch-melancholischen Arbeitsalltag in den Hallen des Fabrikanten Wunsiedel, der inmitten seiner direktiv aufgesetzten Betriebsamkeit stirbt. Worauf – erstmals in der sich abzeichnenden Schlusspointe - tatsächlich etwas geschieht: „Wunsiedel wurde beerdigt, und ich wurde ausersehen, einen Kranz künstlicher Rosen hinter seinem Sarg herzutragen“. Ausgangspunkt für eine neue Karriere des namenlosen Protagonisten als „berufsmäßig Trauernder“. „Hin und wieder auch besuche ich Wunsiedels Grab, denn schließlich verdanke ich es ihm, dass ich meinen eigentlichen Beruf entdeckte, einen Beruf, bei dem Nachdenklichkeit geradezu erwünscht und Nichtstun meine Pflicht ist.“

Aus der kurzen, nachdenklich-kritischen Episode Bölls strickte die Schweizer „DAKAR Produktion“, ein Mitte der 2010er Jahre auf dem Zürichsee gegründetes Ensemble um Delia Dahinden und Anna Karger, am vergangenen Freitag Abend im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ einen schwermütigen, punktuell bizarr-komischen Theaterabend. „Im System“ prononciert in einer rund 50-minütigen Collage aus Zitaten, Bruchstücken der Böll-Erzählung, etwas Schattentheater und atmosphärisch dichten klanglichen Versatzstücken eine sehr gegenwärtig wirkende Persiflage über den Arbeitsalltag der Gegenwart, die allerdings an keiner Stelle ernsthaft zum Lachen auffordert, sondern zwischen „Smart Working“ und dem „Drang, die Mitarbeiter immer an ihre Kündbarkeit zu erinnern“ den grotesken Wahn einer Arbeitsgegenwart weit jenseits von Work-Life-Balance in ihrer unmenschlichen Gnadenlosigkeit pointiert. Auch wenn 2020 bei der Uraufführung der inszenierten Lesung mit Puppen, Menschen und Live-Musik im Züricher Theater „STOK“ noch keiner an den gegenwärtigen Bundeskanzler denken konnte, scheinen bei der jüngsten Aufführung dessen Worte wie ein mystisch-diabolischer Impetus widerzuhallen: „Ich empfinde die Arbeit nicht nur als unangenehme Unterbrechung meiner Freizeit“.

Was DAKAR mit „Im System“ in einer teils absonderlichen, teils intrinsisch wirkenden Melange aus Puppenspiel, klassischem Theater und Atmosphären-Modellierung nachzeichnen, ist, was der US-amerikanischer Kulturanthropologe und Publizist David Graeber als „Bullshit-Job“ bezeichnet hat: Die leistungsgetriebene, inhaltsleere Betätigung zwischen 13 Telefonen, Kantinenklatsch und gleichzeitiger menschlicher Entfremdung: Am Dienstag verschied Blomquist „still an seinem Schreibtisch, was allerdings erst Samstag Abend auffiel“.

Die durchgehend apokalyptisch anmutende, gedrückte Atmosphäre war neben dem Stoff und den um ihn gerankten Dialogen vor allem den Puppen aus der Werkstatt Delia Dahindens geschuldet: Die sechs lebensgroßen Klappmaulpuppen hat das 1959 in Zürich geborene Multitalent zwischen Schauspiel, Regie, Puppenbau, Figurentheater, Auftragstheater und Flamenco aus Schaumstoff geschnitzt, wodurch Furchen entstehen, die den Figuren zugleich ein lebendiges und verlebtes Aussehen verleihen: Ungemein ausdrucksstark, karikaturhaft überzeichnet und in ihrer Wirkung doch deprimierend.

Mal solo, mal im Duo, mal mit, mal ohne Puppe verblüfft „Im System“ mit einer Besetzung, die vielfältig und zahlreich wirkt und gehörigen Unglauben erntet, als sich zuletzt nur zwei Darstellerinnen verbeugen.

Delia Dahinden ist langjährig freischaffende Schauspielerin und Regisseurin. Sie absolvierte ihre Schauspielausbildung an der „Mimenschule Ilg“ in Zürich, studierte daneben Deutsche und Spanische Literatur an der Universität Zürich und arbeitet seit 1982 freiberuflich. Erst seit 2012 baut sie Figuren und bildete sich bei namhaften Figuren- und Materialtheaterleuten wie Neville Tranter, Agnès Limbos und Doris Gschwandtner weiter, zählt aber inzwischen mehr als 70 künstliche Mitspieler zu ihrem Fundus. Dieser engen Verbindung zwischen Mensch und Puppe dürfte ihr besonders symbiotisch wirkendes Spiel mit den Schaumstoff-Kameraden geschuldet sein, die – wie angekündigt – tatsächlich „auf Augenhöhe“ mit den menschlichen Darstellerinnen agierten.

Die etwas ältere Anna Karger bringt ebenfalls eine ungewöhnliche Geschichte mit: Sie kommt nicht aus einer klassischen Puppenspielbiografie, sondern aus klassischem Tanz, Stadttheater, internationalen Gastspielen und der Arbeit in großen Häusern. Daneben studierte sie Germanistik und Altphilologie. Ihre Wendung hin zu Improvisation, Sprechkunst und Puppentheater ist kein Nebenschritt, sondern bemerkenswerter Spartenwechsel, der sich auf der Bühne in einem feinen, ungekünstelt wirkenden Spiel entfaltet.

An der Seite der beiden Damen Lukas Roth an verschiedenen Saxofonen und Balts Nill, bürgerlich Ueli Balsiger, an Gitarre und Ukulele. Der Bläser, der vom sozialpädagogischen Seminar in den Zirkus, vom dort in freie Theater- und Musikformate, und zuletzt zum studierten Master „Teatro di Figura“ wechselte und der Saiten-Mann, der Kultband-Mitgründer, Journalist, Filmkomponist, Duo-Improvisator, Tao-Übersetzer ins Berndeutsche und Redenschreiber für Bundesrat Moritz Leuenberger in einer Person vereint, fokussieren die ohnedies schon dichte Atmosphäre mit ihren teils meditativen, teils scharfen Klangelementen dramatisch.

Gemeinsam hat DAKAR 2015 den 1. Preis der Jury für „Hin ist hin“ bei den Heidelberger Theatertagen abgeräumt, Nill wurde darüber hinaus mit seiner Band „Stiller Has“ mit dem Salzburger Stier und dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet.

Umso bedauerlicher, dass nur ein peinlich überschaubares Publikum „Im System“ rezipierte: Ein Stück, das den gewagten Generationenschlag zwischen dem Text aus den 1950ern, der, da er kaum Dialogisches enthält, eigentlich nur bedingt als Theaterstoff geeignet ist, und unserer Gegenwart versucht – und zumindest in weiten Teilen umsetzt, wenngleich die Versatzstücke dabei etwas beliebig wirken und eine klare Linie eher in fragmentarische Episoden-Splitter zerlegen.

Gebannt waren die zwei Dutzend Zuschauer allemal: So sehr, dass sie am überraschend frühen Ende des Theaterabends kaum zu klatschen wagten, dann aber in einen herzlichen, auch dankbaren Beifall übergingen.

Ein Hoch auf die Bild und Sprache gewordene „Fähigkeit, effizient in einem Milieu auszuhalten, das alles Lebendige ausschließt“.