Sie sind gerngesehener und vor allem gern gehörter Gast in Hockenheim: Nach einem großartigen Erfolg vor fast genau einem Jahr gastierten die „12 Tenors“ am vergangenen Sonntag Abend erneut vor proppenvoller Stadthalle, diesmal mit ihrem aktuellen Tournee-Programm „Songs of Eternity“.
Über das Konzept der in den Jahren seit der Erfindung der „Supergroup für hohe Männerstimmen“, die der italienische Manager und Produzent Mario Dradi anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 mit einem vielgefeierten Auftritt der drei damals weltbekannten Opernsänger Plácido Domingo, Luciano Pavarotti und José Carreras aus der Taufe gehoben hatte, inflationär gewachsenen „Tenor-Boygroups“ haben wir im vergangenen Jahr ausführlich berichtet. Die „12 Tenors“ haben – in fast völlig neuer Besetzung – einen Leckerbissen dieses Crossover-Konzepts serviert: Auf fast schon familiär gewohnte Weise gleich mit einer Mischung bekannter Opern-Arien mit Pop- und Rocksong-Transformationen, auf verblüffend spannende Weise aber auch ganz neu mit einer opulenten Light-Show, die der ohnedies schon extrem ausgelassenen Bühnen-Performance des Sänger-Dutzends ein hochprofessionelles Sahnehäubchen aufsetzte und einem roten Flügel als Eyecatcher, wenngleich dieser und der italienische Pianist Michele Benvenuto eigentlich nur zum Opener mit „Guns N‘ Roses“-Klängen und zu einem spielerischen Musikquiz ernsthaft hörbar in Erscheinung trat und ansonsten optisch wie klanglich im dominanten Sound der Band, deren Musikalischer Leiter er ist, verschwand.
Programmatisch bewegte sich das Tenor-Spektakel, in einem Spannungsfeld zwischen großer Musik, mit der die beeindruckenden Stimmen die – leider viel zu wenigen – Gelegenheiten nutzten, ihre herausragende Qualität unter Beweis zu stellen, und eher dem Mainstream zuzuordnenden Unterhaltungsmusik-Klassikern. Das – von Kerry Millies, die sich nach ihrer Tänzer-Karriere seit 25 Jahren als Schulleiterin der Studio B Performing Arts School im englischen Worcester verdingt, bestens durchchoreografierte und mit dem bei den 12 Tenors bekannten verführerischen Hüftschwung angereicherte – Gemisch aus Ricchi e Poveris „Sarà perché ti amo“, einer leicht schräg daherkommenden Neuinterpretation der Münchner-Freiheit-Hymne „Solang’ man Träume noch leben kann“ und dem Rocksong der US-amerikanischen Band „Journey“, „Don’t Stop Believin’“ mit ein wenig Phil Collins, Michael Jackson und Whitney Houston lässt erneut konstatieren, dass die Tenöre für diese Coversongs eben doch sehr weit ins Boygroup-Genre enteilt sind, für das es große Stimmen, aber sicher keine Tenöre braucht: In der weichgespülten Tenor-Variante geht der raue Charme Jon Bon Jovis ebenso verloren, wie der lebenshungrige Drive des „King of Pop“.
Zwei glänzende Ausnahmen, die zeigen, dass, wenn man Popularmusik tatsächlich konsequent ins Tenor-Fach herüberholt, grandiose Erfolge mit einer Jubellautsärke wie bei den eher aus dem Wiedererkennungseffekt begeisternden Gassenhauern machbar sind, gelangen mit dem „Gladiator“-Hit „Now We Are Free“ und mit „You raise me up“, das durch die Zusammenarbeit der irisch-norwegischen Band „Secret Garden“ mit Brian Kennedy populär wurde. Hans Zimmers Musik erfüllte vor allem der aus England stammende Harry Blanck mit beeindruckend berührender, sehr gepflegter Stimme mit tiefen Emotionen, die in der Cover-Version von „Westlife“ zu Kultstatus gelangte, von irischer Volksmusik inspirierte Gänsehautnummer Nick Godfrey mit einer kuschelweichen Wohlfühlatmosphäre und Gavin Brown mit einer stimmlichen Höhe, die ihresgleichen suchen kann.
Brown war es auch, der beim diesjährigen Auftritt zusammen mit der stimmlichen Wunderwaffe Alexander Herzog – einziges Gründungsmitglied der 12 Tenors, der noch bei der Truppe ist – und dem Briten Jordan Scrase die unumstrittenen klanglichen Highlights beisteuerte.
Mit einer sehr eigenständigen Interpretation des Titels „Over the Rainbow“, den Harold Arlen komponierte und Judy Garland im Film „The Wizard of Oz“ weltberühmt machte, punktete Browns schlanke, weiche, oft ätherischer Stimme ebenso, wie in einem beeindruckenden „Duell der Tenöre“, als er sich Eduardo di Capuas „O sole mio“ mit Herzog um die Ohren schlug und unter Beweis stellte, dass zwei jeweils eigenständig wundervolle Tenöre sehr unterschiedlich klingen können. Ein Effekt, der am spannendsten und am greifbarsten bei den beiden Glanznummern spürbar wurde. Franz Schuberts „Ellens dritter Gesang“ D 839 („Ave Maria!“) intonierte zunächst Jordan Scrase mit einer tief gegründeten, natürlichen Liebreiz atmenden Stimme, bevor Alexander Herzog hinzutrat: Der ehemalige Windsbacher Sängerknabe brillierte wie immer nicht nur als humorvoller, gerne auch frivoler Conferencier, sondern trug auch die fraglos herausragendste Stimme zum Abend bei. Kraftvoll im Durchzug, gut geerdet und ein Timbre von makellosem Ebenmaß, das jede Begeisterung wert war und den 12 Tenors ein Prädikat verlieh, das ihren dauerhaften Erfolg rechtfertigt.
Im Dreigestirn gab es die längst zum festen Bestandteil der 12-Tenors-Show gehörende Arie aus Giacomo Puccinis letzter Oper „Turandot“, „Nessun dorma“: Auf der einen Seite der in seiner klangvoll lyrischen Ausprägung an den großen Fritz Wunderlich erinnernde Gavin Brown: Geschmeidig, bezaubernd, umhüllend. Auf der anderen Alexander Herzog, der wie eine Mischung aus einer scheinbaren Leichtigkeit des Gesangs, die an Luciano Pavarotti denken lässt, und einer charaktervollen und doch einschmeichelnden Stimmfärbung wie beim deutsch-österreichischen Opernsänger Jonas Kaufmann zu zelebrieren scheint. Dazwischen der wie auf halber Strecke zwischen beiden angesiedelte Jordan Scrase – und Gänsehautgarantie pur.
Dass diese, wie alle ernsteren, dafür aber auch echten Tenor-Stücke im begeisterten Jubel zwischen Robbie Williams‘ „Let me entertain you“ und Bonnie Tylers „Total Eclipse of the Heart“ unterzugehen drohte, gehört zu den Wermutstropfen einer jeden 12-Tenors-Show: Von der Fachwelt werden die Tenor-Supergroups eher belächelt, vom Publikum aber in größter Freude aufgenommen. Im Showbiz rechtfertigt der Erfolg die Mittel. Einen Eindruck von der stimmlichen Größe zumindest eines Teils der Tenöre, die unter Beweis gestellt haben, dass zu einem echten Tenor weitaus mehr gehört, als eine gute Stimme, hat man erleben dürfen.
Der Rest des Abends war unterhaltsam, er hat die Massen begeistert und die eingefleischten Tenor-Liebhaber nicht geschmerzt – das ist, auf was es den 12 Tenors ankommt. Insofern ist es bedauerlich, dass der Plan der für 2026/2027 vorgesehenen „Legacy-Tour“ Hockenheim ausspart und Fans nach Weinheim oder Wiesloch zwingen wird. Das sollte nochmal überdacht werden: „Da Capo!