Als die 36 Sängerinnen der „Women’s Voice“ am vergangenen Samstag Abend die Aula der Neulußheimer Lußhardt‑Schule betraten, war der Titel des Abends Programm: „Starke Frauen, starke Stimmen“ – ausverkauft und voll Selbstbewusstsein. Der Frauenchor, der sich 2002 als Antwort auf „die Zeichen der Zeit“ neu erfand, feierte ein viertel Jahrhundert später die Kraft weiblicher Stimmen – nicht abstrakt, sondern Song für Song. „True Colors“ als Ermutigung zur Sichtbarkeit und „This Is Me“ als Selbstbehauptungs‑Hymne machten hörbar: Stärke beginnt dort, wo man sich nicht mehr versteckt.
Vom vereinseigenen Musical‑Erbe bis zu Empowerment‑Hymnen ent-deckte der Chor Stärke als Mischung aus Mut, Gemeinschaft und musikalischer Haltung.
Mit dem Opener „Zeit“, das seit der Uraufführung von „Wenn Träume reisen“ zum 100-jährigen Bestehen des AGV Neulußheim 2011 Erkennungsmelodie der singenden Powerfrauen geworden ist, präsentierte „Women’s Voice“ sich gleich stattlich: Julia Teusch (damals noch Willberg), die im Publikum zugegen war, hat ihrem Chor einen feinfühligen, sanften und gefühlvollen Einstieg in ein Programm ermöglicht, das danach in einem spannenden Wechselbad zwischen zarten Tönen und kraftvollen Klängen begeisterte.
Die Ladies um die Vorsitzenden Heike Ullrich und Daniela Hertenstein hatten neben ihrem „starken Mann“ Joe Weis, der den Chor seit zwei Jahren leitet, mit einer Abordnung von dessen Band „The Helmuts“ „echte Kerle“ an ihrer Seite: Der Gitarrist Alex Weis, Keyboarder David Heiner und Schlagzeuger Tobias Frohnhöfer heizten gemeinsam mit den Damen gehörig ein – verstanden es aber auch, den tiefsinnigen Passagen ihre Größe und ihre emotionale Kohäsion zu belassen.
Im Zentrum stand stets der Chor und sein gewitztes Programm, das einen Reigen hochdekorierter Titel aus Frauenhand oder -mund zu einem reizvoll spannenden Konzert vereinte: Zig Grammys und Grammy‑Nominierungen, drei Einträge in der Grammy Hall of Fame, ein Golden Globe, zwei Oscars und mehrere Oscar‑Nominierungen gesellten sich klanglich zueinander.
Dabei hangelten die Sängerinnen sich von Cindy Laupers Hit in einer herzzerreißenden Kuschelvariante in Erinnerung an die letztjährige Abschiedstournee der damals 73-jährigen Genre-Hopperin, einer zartfühlende, genüsslich ausgesungene Wohlfühl-Variante von „Power of Love“, die an die frühe Aufnahme Jennifer-Rushs in München angelehnt war und einer feurigen „Proud Mary“, die zunächst Creedence Clearwater Revival, dann aber sehr viel erfolgreicher Tina und Ike Turner aufgenommen hatten im Tutti über einige bemerkenswerte Solo-Auftritte wie Daniela Hertensteins Interpretation von Sarah Conners „Wie schön du bist“. Diana Helm glänzte mit vollmundiger Stimme in natürlichem Liebreiz zur Freundschafts- und Abschiedsballade „For Good“ aus Stephen Schwartz‘ Musical „Wicked“ und ging mit Carole Kings „A natural Woman“, für das Aretha Franklin in die Hall of Fame einzog, in einen Call&Response-Austausch mit dem Chor, Petra Kiesecker beeindruckte zu Sias Motivations-Hymne „Unstoppable“ mit einer charakterstarke, tragfähigen Stimme mit viel Tiefgang und einer mitreißend kraftvollen Höhe, die jüngste Sängerin des Chores, Franziska Hertenstein, stellte mit einem berührend zarten Intro zu Meghan Trainors „Dear Future Husband“ ihre fraglos vorhandenen Ambitionen zu mehr unter Beweis und die vielumjubelte feste, warme Stimme Christina Schneiders sorgte bei einem Ausflug in das Musical „Greatest Showman“ für Gänsehautmomente.
Die Freude am Singen als Dreh- und Angelpunkt des Chores durften wir schon bei früheren Auftritten erfahren: Es wirkte auch diesmal mitreißend, in viele freudig lachende Gesichter zu schauen, denen der Spaß am Tun anzusehen ist. Entsprechend hat man sich – ohne in der klanglichen Qualität nachzulassen – auch humorvollen Stücken zugewandt. Der Thea-Eichholz-Titel „Hefe“, den das Kabarett-Duo „Die Mütter“ bekannt gemacht hat, traf auf eine augenzwinkernde Neufassung des DDR-Hits „Du hast den Farbfilm vergessen“, mit dem Nina Hagen den Osten aufmischte, und eine ausgelassene Choreo zu Beyoncés Country-Kracher „Texas Hold ‘Em“.
Fraglos zu den Höhepunkten des Abends zählten das in einem phantasievollen Arrangement für Chor umgesetzte „Gut genug“ der Helmuts-Sängerin Sofia Stark, bei der die voll Inbrunst singenden Frauen effektvolle Verschränkungen zu einem sanften Wiegen machten, und das Duett „Falling Slowly“, das Glen Hansard und Markéta Irglová 2008 den Oscar für den Titelsong des Musikfilms „Once“ einbrachte, und das Regina Martens und Joe Weis auf unmittelbar berührende Weise interpretierten: Kuschelweiche Stimmen in einfühlsamer Intonation und anschmiegsamem Gesamtklang.
„Starke Frauen, starke Stimmen“ ist bei Women’s Voice nicht Slogan, sondern konsistente Biografie. Laute Zugabe-Rufe und stehende Ovationen waren Anerkennung für zu Herz gehende, ausgeglichene Musik und ein Programm, das Stärke in vielen Farben hörbar gemacht hat: Als Zuspruch, Selbstbehauptung, Widerstandskraft und als leise Selbstbefragung.
Ein Chor, der solche Gegensätze zusammenhalten kann, ist selbst die stärkste Stimme des Abends: die kollektive.