07.03.2026 · Altlußheim
Kunst

Winona Fabinger, Michael Merz, Birgit Cromer, Erica Geiß, Manuela Schwäger, Ulrike Hettmannsperger, Willi Deigner

Kunst und Kultur als Impuls zur Landtagswahl

Die Altlußheimer Künstlergruppe präsentierte eine vielseitige Ausstellung, die Kunst als Ausdruck von Freiheit und Demokratie feiert. Begleitet von Musik und vielfältigen Werken junger und erfahrener Künstler, wird die Verbindung von Kunst und gesellschaftlichem Leben eindrucksvoll erlebbar gemacht.


„Für mich ist Kunst und Kultur der Sauerstoff des Menschen“, sagte der Publizist Michel Friedmann, der in seiner jüngsten Monografie „Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“ die Kunst als Impfstoff gegen Populismus bezeichnete. Höchst passend deshalb die Verschränkung der Kunstausstellung der Altlußheimer Künstlergruppe mit der Landtagswahl im Bürgerhaus. Die Vernissage am Samstag Abend war ein Gesamtkunstwerk: Neben den darstellenden Künsten platzierten Jürgen Cromer und Richard Schmitt, zwei herausragende Musiker, deren abendfüllenden Programme die Altlußheimer zuletzt Ende 2023 begeisterten, auch die Klangkunst – Schmitt mit einer lebendigen Variation an der Gitarre, die Neil Youngs „After the Goldrush“ mit Francisco Tárregas Serenade „Capricho árabe“ verband, Cromer, der wie Schmitt an den Saiten am Klavier mit Eigenkompositionen im Bond-Stil und einem Exempel aus Mendelssohns Sammlung lyrischer Klavierwerke unter dem Titel „Lieder ohne Worte“ seine stilistische Bandbreite unter Beweis stellte.
Michael Merz, einer der sieben ausstellenden Künstler, nutze die Eröffnung, um die Projektüberschrift „Leben“ mit der Wahl zu verknüpfen: „Es ist die Demokratie, die uns frei malen lässt und die Kunst so frei auszuleben ist eine große Errungenschaft – das war auch hierzulande schon anders“. Einen Faden, den Bürgermeister Uwe Grempels, der selbst 1989 aus Rumänien nach Altlußheim gekommen war, aufnahm und mit seiner eigenen Vita verknüpfte. Begeistert zeigte sich das Gemeindeoberhaupt von der Vielfalt der Bilder und der Unterschiedlichkeit der Stile, die im großen Saal der ehemaligen Bibliothek aufeinandertrafen. Deren Umzug Anfang des Jahres hatte erst ermöglicht, eine lange Tradition – dereinst mit Bürgermeister Ewald Hestermann aus der Taufe gehoben – wieder aufleben zu lassen.
Die Künstlergruppe, die seit 39 Jahren immer wieder mit Exhibitionen auf sich aufmerksam gemacht hat und heute sieben Künstlerinnen und Künstler zusammenbringt, konnte mit ihrer jüngsten Werkschau tatsächlich das sprühende, funkelnde, bisweilen auch beängstigende Leben zum Leuchten bringen.
Begrüßt wurden die Besucher von einem großformatigen Werk Michael Merz‘, das in kräftigen Farben eine typische Altlußheimer Ansicht mit Zitaten der ganz Großen in der Kunstszene spickt: Franz Marcs „Gelbe Kuh“ aus dem Jahr 1911 scheint – ergänzt um das klassische Pegasus-Motiv aus der symbolischen Bildtradition - ebenso auf, wie eine stilistisch an den Meister des Wiener Jugendstils Gustav Klimt erinnernde Paarung. Ein dramatischer Kontrast zu den so organisch und symbolistisch wirkenden Fundstück-Skulpturen, denen der studierte Sozialpädagoge und Kunsttherapeut, der die Künstlergruppe seit 36 Jahren bereichert, seit einigen Jahren mit der Carvingsäge kraftstrotzend auch bildliche Formen abringt.
Beeindruckend die tiefgründige und dabei besonders berührende, breit aufgefächerte Stilpalette Birgit Cromers. Die Künstlerin, die sich im anmutigen Aquarell ebenso daheim fühlt, wie in der klassischen Malerei, ist sogar noch ein Jahr länger bei den Altlußheimer Künstlern – und verblüffte mit einem motivisch-temporalen Doppel: „Helena“, ein eigentlich an der US-Schauspielerin Jeri Ryan orientiertes Bild, das vor 20 Jahren der Liebe zur SiFi-Serie „Star Trek“ entsprang und heute an die Enkelin erinnert, spannt einen zeitlich-stilistischen Bogen zum direkt daneben gehängten jüngsten Werk „Julian und Helena am Meer“ – da eine sinnliche Erfahrung, hier ein kraftvoller Ausdruck reinster kindlicher Freude.
Dazwischen Erica Geiß, deren Collagen „Seelenwanderung“ ins heimische Idyll ebenso entführen konnten, wie in ferne Länder, Manuela Schwäger, die mit ihren Aquarellen organischen Formen in Fadenziehtechnik eine bewegte Plastizität verleiht, die für ihre Quilt-Kunst, bei der nicht der Pinsel, sondern Nadel und Faden im Vordergrund des künstlerischen Schaffens stehen, über die Region hinaus bekannte Ulrike Hettmannsperger und Willi Deigner, dessen Kohlezeichnungen ebenso wie seine Aquarelle eine beeindruckende technische Hingabe und Detailverliebtheit atmen: Für die Maltechnik außergewöhnlich realistische „Rivalen“, kämpfende Hirschkäfer vor einem deutlich stiltypischeren Hintergrund.
Winona Fabinger, eine erst 17-jährige Schülerin des Landeskunstgymnasiums Rheinland-Pfalz in Alzey, ist nicht nur der jüngste und letzte Neuzugang zur Altlußheimer Künstlerschar, sie hat mit ihren Werken auch einen Glanzpunkt in der Ausstellung gesetzt, der – wenn sie dabei bleibt – eine vielversprechende künstlerische Zukunft vorzeichnet: Ihren Malereien wohnt eine imponierende Ausdruckskraft, ein tiefes Verständnis für emotionale Bildsprache und eine Unmittelbarkeit im Ausdruck inne, hinter denen man eigentlich gestandene Lebenserfahrung und viel Übung vermutet (zahlreiche Beispiele bei Instagramm unter @winominoo). Liebreiz und Anmut, Ausdruck und Seelentiefe so zu verbinden, dass der Betrachter gefesselt ist, den Augenblick mit all seinen Reizen und Untiefen für ein Immer-wieder-Betrachten zu bannen, das ist die große Kunst der jungen Malerin.
Die Altlußheimer Künstlergruppe hat diese Wahlen von ihrem feierlich-staatsbürgerlichen Akt hereingeholt: Mitten ins Leben.


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