„Lasst uns die Stradivari unter den Arschgeigen sein“ – mit einem brennenden Fanal verabschiedeten sich nach zwei Stunden bitterbösem Musik-Kabarett die Kölner Kabarettistin, Chansonette und Autorin Tina Teubner und ihr kongenialer klavieristischer Widerpart Ben Süverkrüp von einem begeisterten, angerührten, angefixten und vor allem angeregten, frenetisch applaudierenden Publikum, das 120 Mal jede einzelne Minute gefangen war in einem schmerzhaft-schmeichelnden Spannungsfeld von klarer Kante und weichem Ton: Lauschend, lachend und vor allem zum unablässigen Mitdenken gezwungen.
Einfach macht es die oft in herber Sprache und unverblümten und doch gefeilten Wortsalven in ihre Zuhörer förmlich eindringende Teubner, die „Kleinkunst“ längst hinter sich gelassen hat und zu den ganz Großen, Außergewöhnlichen, Einzigartigen in der Kabarett-Szene zählt, ihrem Auditorium nicht: In einer Mischung aus Akklamation, Seelenschau und Liederabend rechnet sie gnadenlos ab mit der Gesellschaft und unserer eigenen Rolle als Protagonisten in ebendieser. „Was soll ich tun im Angesicht dieser Welt?“ ist die Frage, die sie stellvertretend stellt für alle, die – wie sie – doch Teil des Systems, des „Weltzirkus“ sind, um gleich anschließend mit „Wenn da nicht diese Stimme wär“ mit einer hochkomplexen Brandrede gegen die Nörgelei unserer Gegenwart anzusingen: „Eigentlich müssten wir doch mal zufriedener sein“.
Sie zelebriert mit „Wenn Du mich verlässt, komm ich mit“, das im September 2016 im Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ Premiere feierte und in zehn Jahren nichts von seinem Glanz und seiner Aktualität verloren hat, ein „Inklusionstheater“ und „Betreutes Lachen“ als Seelenreiniger mit Schwefelsäure - nicht angenehm, sondern in scharfer Unbarmherzigkeit, die man sonst nur von Hagen Rether kennt. Wo aber der rumänisch-deutsche Ausnahmekünstler die Absurdität der Wahrheit zum Gegenlager erhebt, setzt Teubner auf eine melancholische Note. Was wäre das für eine Welt ganz ohne Traurigkeit? „Es gäbe keinen Schubert, keinen Dostojewski – nur noch Fips Assmussen und die Zillertaler Schürzenjäger“.
Nur scheinbar bremst sich die gerade erst 60 gewordene Frau, die sich in kein Genre einsortieren lässt, mit einem „genug der Ideologischen Unterweisungen – wir wollen fröhlich sein!“: Mit „Alles gut, sagst Du“ verschafft sie ihren Zuhörern nur eine ebenso scheinbare Denkpause, um sie sogleich in den greifbaren Mega-Kontrast zwischen herbeigeredeter Normalität und innerer Zerrissenheit einzuspannen.
Niemand könnte genau das besser in Töne übersetzen als der Pianist Ben Süverkrüp. Der Folkwang-Absolvent, der heute an der Essener Universität der Künste lehrt, ist seit 25 Jahren als kongenialer Widerpart von Teubners Seite nicht mehr wegzudenken. Mit imponierender Virtuosität akzentuiert der Meister der Tasten, dessen Vater Dieter Süverkrüp als Begründer der deutschen Liedermacherbewegung in den 1960/70er Jahren gilt, nicht nur die ausladenden emotionalen Spannungen des Kabarett- und Musikabends, er stielt dem Epizentrum der Musik und Wort gewordenen Nachdenklichkeit, das Teubner ohne Frage ist, für zehn Minuten glatt die Schau, als er mit einem Solo seine eigene beeindruckende Kunstfertigkeit unter Beweis stellt: Unter dem Arbeitstitel „Hilf Wolfgang Amadeus dabei, seinen Geburtstag zu feiern“ gibt der sonst so bescheiden am Klavier sitzende Süverkrüp ein Exempel, wie die Musikgeschichte ausgesehen hätte, wenn die alten Meister schon vom heutigen „Medienterror geplagt worden wären“. Dabei lässt er Smetanas „Moldau“ sanft plätschern, um – sprachlich wie klanglich - zu titulieren „Mozart und James Bond sind jetzt Freunde“ – „Frank Zander gefällt das“. Er verschränkt Franz Liszt und die „Dancing Queen“ (ABBA) und lässt Stefan Oberhoffs Song aus der „Mercie“-Werbung nahtlos in die Matthäus-Passion einsickern – musikalisch genial, interpretatorisch hervorragend und mit einer Botschaft, die sinnlich erfahrbar wird.
Gemeinsam zelebrieren Tina Teubner und Ben Süverkrüp eine zweistündige Musiktherapie („Hab‘ ich auch mal studiert. Hab‘ ich abgebrochen. Konnt‘ ich schon“), die es auf spektakuläre Weise in sich hatte: Ein ganzes Lebens-Werk zwischen dem Diät-Morgen, wenn der Joghurt sagt „Einer von uns ist fettarm – Du bist es nicht!“ und der Existenz als „alleinerziehender Ehefrau“, in der der selbstauferlegten Kasteiung ein freudiges „Weil es Spaß macht“ entgegengeschmettert wird.
Dabei dienen auch die privatesten Themen nicht als Privattheater, sondern als Folie für Teubners sezierende gesellschaftliche Diagnosen, die nicht im Bedauern verharren, sondern sich auf urbändige Weise Freiheit verschaffen: „Finden Sie mich nicht gehässig, finden Sie mich Lust- und Lebensfreud-optimiert“.
Was soll man von einer erwarten, die schon in Witzenhausen (Nordhessen) geboren wurde? Schenkelklopfer wären Klischee – und nichts scheint diese Ausnahmekünstlerin mehr zu hassen. Die Kinder der Eltern, die schon im Kreißsaal mit Fremdsprachen anfangen und das Säuglingsalter in ein Chaos zwischen Burnoutangst und Esstörungsfurcht verwandeln, haben es ihr dabei als Plakette, an der sich abzuarbeiten lohnt, besonders angetan: „Das eigene Kind soll immer ein Individuum sein, aber sich auf keinen Fall von anderen unterscheiden“ – sagts, wartet nicht einmal die Lacher ab, bevor sie mit „Armer Emil“ in einer Schnellsprech-Orgie zwischen Pränatal-Ballett und Baby-Osteopath den musikalischen Übergang zu einer Tirade gegen eine Gegenwart, die „in Wirklichkeit so korrupt“ ist, „dass sie für uns Nostalgiker nur noch zu ertragen ist, wenn wir uns einen wegmeditieren“, ausholt: „Heute liegen Manager im Brioni-Anzug auf den Matten und feuern danach 150 Leute. Massenkündigung – das ist Feng-Shui zu Ende gedacht“.
Wie eine Essenz des Abends der Titelsong Teubners, die es wortgewandt vermag, Marmelade von einem lapidaren Standard-Mitbringsel in „eine ganz schlechte Metapher für den Zustand unserer Welt“ zu machen: „Stell nicht alles in Frage, schütt‘ das Kind nicht mit dem Bade aus“, skandiert Teubner zu zarten Violinen-Klängen, um nachdenklich nachzuhaken „wenigstens beim Anblick der Welt sollte uns doch eine bescheidene Form von Panik ergreifen“.
Auch wenn „Keine Wunden heilt die Zeit“ klanglich noch nachhallen dürfte, musste niemand ängstlich gehen: Eine „kleine lernwirksamen Zusammenfassung“ verwandelt die gewollte Schreckstarre in heiteren Optimismus. „Viele von uns Unzufriedenen sind gar nicht unglücklich, sondern haben nur vergessen, wie profan Glück ist“.
Sagts. Nimmt die Zugabe-Rufe entgegen und verabschiedet ihre Fangemeinde mit einem durch die singende Säge melancholisch-schönen „Guten Abend, gut‘ Nacht“ in die Hoffnung, dass wir nicht wieder zehn Jahre auf den nächsten Auftritt warten müssen.
Weitere Informationen im Internet unter https://tinateubner.de/