17.02.2026 · Hockenheim
Musik

Frankfurter Sinfoniker, Markus Elsner, Horst Willand, Roland Schmiedel, Birke Falkenrot, Ayumi Zsovar-Mita

Fünzehn Künstler, großes Kino: Filmmusik kammermusikalisch

Das 15-köpfige Ensemble der Frankfurter Sinfoniker präsentierte in der Hockenheimer Stadthalle ein beeindruckendes Kammerorchester-Konzert mit berühmten Filmmusiken, das trotz kleiner Besetzung mit großer Klangvielfalt und hoher musikalischer Qualität begeisterte.


Ein gutes Beispiel für die Tragik in der Kunst- und Kulturszene haben am vergangenen Sonntag Abend bedauerlich wenige Besucher der Hockenheimer Stadthalle erleben müssen: Dass nämlich die Rezeption nicht selten diametral zur Qualität einer Ausstellung oder eines Konzerts steht – je besser die Künstler, desto rarer machen sich die Zuschauer und Zuhörer. Bedauernswert sind dabei vor allem die auf den Bühnen, denen halbleere Konzertsäle die Lust ordentlich vermiesen dürften; umso bemerkenswerter, wenn sie trotzdem ihren Gästen ein großartiges Erlebnis verschaffen.
Diesem Anspruch ist das Ensemble der Frankfurter Sinfoniker rundum gerecht geworden: Fast zwei Stunden sorgte das 15-köpfige Kammerorchester um seinen Dirigenten Markus Elsner mit seiner „Nacht der Filmmusik“ für beschwingte Stimmung, gespanntes Lauschen und Gänsehautmomente.
Das Orchester, das sich auch in größerer Besetzung auf publikumswirksame Motto-Konzerte - „Juwelen der Opernliteratur“ vereinen Arien und Ouvertüren, bei den „Italienischen Nächten“ gibt es Streifzüge durch den Belcanto und „Alles Strauß!“ serviert eine Gala der Melodien des Wiener Walzerkönigs - spezialisiert hat, ohne dabei zu einem lapidaren Mainstream-Musikverein zu verkommen, hat vom ersten bis zum letzten Ton mit einem beeindruckend raumgreifenden Klang, einer besonders ausgefeilten Dynamik und einem exzellenten Interpretationsgeschick geglänzt und begeistert.
Vom Opener mit dem bekannten ikonischen Motiv aus Nino Rotas Filmmusik zu Francis Coppolas oskarprämiertem Kultklassiker „Der Pate“, das harmonisch gewitzt vom ganz ähnlich ausgestalteten Walzer Nr. 2 Dmitri Schostakowitschs abgelöst wurde, mit dessen beschwingt-ironischer Melodie 1999 Stanley Kubrick in der Eröffnungsszene seines letzten Psychodramas „Eyes Wide Shut“ sein Publikum verblüffte, bis zum programmatischen Schlussdoppel, das die lebendig-leichten Jazz-Klänge des groovigen Balu-Gassenhauers „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“, mit dem Terry Gilkyson einen humorvollen Konterpart gegen die ansonsten für die Filmmusik zu Disneys „Dschungelbuch“ verantwortlichen Sherman-Brüder setzte, in einen körperlich spürbaren Kontrast zum durch die Schlussszene in Michael Cacoyannis 1964 erschienenen Drama „Alexis Sorbas“ berühmt gewordenen „Sirtaki“, den Hauptdarsteller Anthony Quinn dem Regisseur als „traditionellen Tanz“ verkaufte, weil er sich beim Dreh am Fuß verletzt hatte und die eigentlich geplanten Sprünge nicht ausführen konnte, überzeugten die Frankfurter uneingeschränkt.
Überhaupt haben sie mit ihrer auf den ersten Blick zu schwachen Formation eindrucksvoll bewiesen, dass große Filmmusik auch in kleinem Rahmen funktioniert – manchmal überraschend gut (etwa bei intimen Themen wie Yann Tiersens Musik zu Jean-Pierre Jeunets modernem französischen Märchenfilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“, die in eine dreisätzige Suite verpackt war oder bei John Williams Soundtrack zum Spielberg-Historiendrama „Schindlers Liste“, mit dem Konzertmeister Horst Willand förmlich brillierte, als er die ergreifende, klagende Violin-Melodie, die Leid und Hoffnung zugleich ausdrückt mit einer Inbrunst und interpretatorischen Kraft gab, die den Atem anhalten ließ), manchmal mit kreativem Augenzwinkern: Mit dem Titelthema zu „James Bond“ wurde eine der bekanntesten Signaturen der Filmgeschichte, die eigentlich vom Klang der „twangy“ E-Gitarre und mächtigen, harten Blechbläser-Riffs lebt, in eine unplugged-Version verwandelt oder Eimer Bernsteins Main aus „Die glorreichen Sieben“, das – auch durch das Recycling als Werbemelodie - zu den bekanntesten Western-Themen der Welt zählt, in eine rhythmisch pfiffige Kammermusik-Version arrangierte, das die Melodie spritziger aufnahm, statt auf Lautstärke zu setzen.
Die Frankfurter Mischung der Instrumente – neben die Klassiker gesellten sich Harfe, Saxophon, Akkordeon und Keyboard – mag ungewöhnlich sein, doch sie ermöglichte es, die unterschiedlichsten Klangwelten abzudecken, ohne dass man ein Sinfonieorchester vermisst hätte: Die Harfe nahm das sanfte, wellenartige Meeresgefühl der Musik des britischen Theater- und Fernsehmusikers Nigel Hess zu Charles Dances Drama „Der Duft von Lavendel“ auf und gesellte sich ganz wunderbar zur melancholisch-schönen Violinmelodie Willands, klezmer-artige Klarinettenläufe unterstrichen in der transparenten Textur des Kammerorchesters die feinen ironischen Akzente Schostakowitschs, das Akkordeon (Roland Schmiedel) erwies sich gerade beim „Paten“ oder der „Amélie“ als Glücksfall. Einmal hat es Rotas italienisches Klangkolorit unterstützt, das andere Mal ein Pariser Montmartre-Gefühl versprüht, das den „Valse d’Amélie“ ganz nah an das Original rückte.
Das kombiniert mit einem wundervoll vielfältigen Gesamtklang, der in der kleinen Besetzung noch viel diversifizierter und unmittelbarer daherkommt, als im großen Orchester: Feine Ziselierungen der hohen Streicher auf einem warm-weichen Fundament aus Kontrabass und Cello, eine pointiert einwerfende Querflöte, ein für eine Einzelstimme beeindruckend durchzugsstarkes Horn – der Sound der Filmwelt mit einem Kammerorchester ist möglich, wenn es auf allerhöchstem Niveau spielt. Einziger Wermutstropfen: Das Glockenspiel beispielsweise bei der Amélie hätte man sich echt und nicht aus dem Keyboard gewünscht.
Dieser herausragende „Sound“ rührt aus einer außergewöhnlich guten Einzelleistung eines jeden Instrumentalisten. Neben dem bereits erwähnten, vor allem durch sein gefühlvolles Spiel herausragenden Violinisten Horst Willand und den bezaubernd perlenden Harfenklängen Birke Falkenrots fesselte Ayumi Zsovar-Mita das Publikum mit „Gabriel’s Oboe“, dem Thema des Jesuitenpaters aus „The Mission“. Mit dem Soundtrack zu Roland Joffés bildgewaltigem Historien-Drama hat Ennio Morricone einen seiner ergreifendsten Scores geschaffen – und Zsovar-Mita hat die einfache, himmlische Melodie, die aggressive Krieger durch die Schönheit der Musik besänftigt, in einer atemberaubend hinreißenden, fesselnden Interpretation präsentiert, die sphärischen Ton und inbrünstige Hingabe vereinte.
Das Konzept der Frankfurter Sinfoniker: Die Ohren hören Bekanntes auf neue Weise. Man achtet mehr auf die Melodie selbst, wenn nicht üppiger Orchesterklang ablenkt. Die so entstehende Nähe vermittelt einen Anklang davon, wie Filmmusik einst war, als in den Kinos der Stummfilmzeit mit kleinen Ensembles die Bilder „belebt“ wurden und kehrt hier zu den Wurzeln zurück - nur dass es nun die großen Themen der Tonfilm-Ära sind, die im glitzernden Rahmen der Intimität ganz neu erklingen. Die Frankfurter haben einen Spagat gemeistert und gezeigt: Leidenschaftliche Filmmusik braucht nicht zwingend 100 Leute – 15 reichen, wenn sie es verstehen, die Seele der Musik zum Klingen zu bringen.


Original-PDF

PDF öffnen