Dass der „Alte Bahnhof“ nicht nur Kulturzentrum der Extraklasse, sondern auch ein Hort der Gemeinsamkeit und des Miteinander-Tuns ist, hat sich – auf eine geradezu antibesinnlich-lustige Art – am vergangenen Sonntag Abend wieder einmal manifestiert: Während sich im „Showroom“ die „Delta-Rock-Girls“ wie bereits vor fast auf den Tag genau einem Jahr die Seele aus dem Leib coverten, um mit der inzwischen zur geliebten Tradition gewordenen „After-Christmas-Rockparty“ einen lebhaften Jahres-Kehraus hinter die bisweilen sowohl emotional als auch kulinarisch nicht ganz einfachen Weihnachtstage zu setzen, spielten sich hinter den Kulissen vom Publikum gänzlich unbemerkt Szenen irgendwo zwischen Loriot, „Hör mal, wer da hämmert“ und „Bob der Baumeister“ ab. Die männliche Abordnung des Kulturtreff e.V., der in den vorangegangenen 361 Tagen das bunte Leben im „Alten Bahnhof“ überhaupt erst möglich gemacht hatte, kümmerte sich – selbstverständlich nach den anerkannten Regeln der Technik – um einen abgerutschten Abwasserschlauch der Spülmaschine der im Zuge der Sanierung des Thekenbereichs neu eingerichteten kleinen Küche im Séparée und um eine Führung der bei der Gelegenheit ebenfalls installierten Schiebetüre. Und hatte dabei so viel Spaß, dass ein eigenes Comedyprogramm im kommenden Spielplan unter dem Titel „Klaus, Harald und Harry, sekundiert von der Presse“ in Erwägung gezogen wurde.
Zwischen Schraubenzieher und weisen Ratschlägen gab es humorige Kommentare zur Bühnenshow, die derweil die Massen im knallvollen Partyraum, der so gar nichts mehr von einer „Wartehalle“ hatte, anheizte: Frontfrau Lydia Sprengard gab – unterstützt von Yvonne Kreft und Liv Oppermann in den Backing Vocals - mit markanter und charaktervoller Stimme mal als Rockröhre, mal als kuschelweiches Samtkätzchen zwischen dem programmatischen Opener „Listen to the Music“ von den „Doobie Brothers“ und der nicht minder aussagekräftigen Schlussnummer mit der Hymne „Tagen wie diese“ von den „Toten Hosen“ alles, was in den letzten 70 Jahren an coverfähiger Rockmusik geschrieben wurde. Mit „Bring Me some Water“ von Melissa Etheridge, dem Ray-Charles-Klassiker „Hit the Road Jack“, dem Queen-Hit „Don’t stop me now“ oder dem „Shocking Blue“-Knaller „Venus“ gab es einige Wiederholungen aus dem Vorjahr, die aber vom eifrigen Publikum allesamt goutiert wurden. Dafür sorgte der – trotz wirklich schlechter Abmischung recht breiig wirkende – Sound der Delta-Rocker: Gitarrist Carsten Egger, Bassist Jens Kreft und Drummer Kimon Dardoufas dominierten diesen zwar bisweilen so sehr, dass die Ladies, um die es doch eigentlich gehen sollte, kaum noch zu hören waren, sie sorgten aber dessen ungeachtet genau mit diesen fordernden, grundsoliden Klängen bei den Zuhörern immer wieder für Begeisterungsstürme. Diese setzten sich in der Regel von der ersten Reihe nach hinten fort, was auch daran gelegen haben dürfte, dass sich die drei Instrumentalisten auf der Bühne so breit gemacht hatten, dass für die Damen kein Platz mehr war und diese sich fast trotzig in den Zuschauerraum pflanzten, dann aber naturgegeben kaum noch zu sehen waren. So war es am Ende mehr „Delta Rock“ als „Rock-Girls“; hier könnte die Formation durchaus noch ein paar Lehrstunden in Sachen Bühnenperformance vertragen.
Der Stimmung hat das keinen Abbruch getan und zu der kantigen, meist antreibenden Musik ließen sich die Gäste die legendäre Feuerwurst und den ebenso kultigen heißen Eierlikör aus dem angebauten „Fresszelt“ schmecken und machten aus der Jahresausklangsparty das, was es eigentlich ja auch sein sollte: Wenig Konzert, aber dafür ein sehr familiäres, heimeliges Gemeinschafts-Event.
Dafür steht der „Alte Bahnhof“ wie kein Kulturzentrum in der Region: Für Gelächter, Kunst und Musik, die aber nie abgehoben oder überkandidelt daherkommen und sich nicht als Angebot an die Upperclass verstehen, sondern in einem großen Projekt zusammen zelebriert werden. Der Kulturtreff e.V., der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiern konnte und „seinen“ Bürgern mit der Flugshow von „Dreist“ im April in der Rolf-Heidemann-Halle ein ganz besonderes Geschenk gemacht hat, ist zusammen mit „Kulturchefin“ Alexandra Özkalay Garant für diese einzigartige familiäre Kulturarbeit, die – wie auch bei der After-Christmas-Rockparty“ – mit zahlreichen kostenlosen Veranstaltungen punkten kann. Neulußheim, das auch durch den „Bahnhof“ und seine Events zur „Vier-Sterne-Gemeinde“ geworden ist, kann dem Verein und seinen Mitgliedern gar nicht genug danken.
Und wie war das in der Küche? Als draußen die Begeisterung mit dem „4 Non Blondes“-Millionenseller „What’s Up?“ einen Höhepunkt erreichte und wenig später nach zwei Stunden Partymusik die Zugaberufe ertönten, besahen sich vier Männer die getane Arbeit, bei der die Klänge von der Feier nur erfreulicher Begleiter waren – und bereiteten sich seelisch wie moralisch auf die Herausforderungen des Kulturkalenders 2026 vor, der wieder 13 grandiose Veranstaltungen und zusätzlich einige Kunstausstellungen offerieren wird. Mit viel Arbeit. Aber auch mit jeder Menge Spaß. Vor und hinter den Kulissen.