19.12.2025 · Neulußheim
Musik

Seán Treacy, Stefan Buchholz, John Treacy

Wie Blätterkrokant: Seán Treacy mit Sohn und Tradition


Er ist wie der Blätterkrokant im traditionellen Adventskalender: Keine Überraschung, aber immer eine Riesenfreude. Der aus Irlands ältester Stadt Waterford stammende Seán Treacy gehört zu jenen Musikern, bei denen Wiederholung kein Mangel, sondern Qualitätsmerkmal ist. Seit Jahrzehnten zieht er mit einem Repertoire durch den deutschsprachigen Raum, das theoretisch hunderte Titel umfasst – und doch Abend für Abend zuverlässig auf genau jene Songs zuläuft, die sein Publikum erwartet und gnadenlos einfordert. Wer hier den Kanon kürzt oder den falschen Titel auslässt, riskiert nicht Stirnrunzeln, sondern Enttäuschung. Treacy weiß das und bedient diese Erwartungshaltung mit stoischer Gelassenheit und ungebrochener Spielfreude.

1985 wanderte er aus Kilkenny nach Deutschland aus und eröffnete 1987 am Karlsruher Werderplatz mit dem „Claddagh Ring“ das erste Irish Pub der Stadt – eher als Sprungbrett denn als Ziel. „Ich habe nicht den Gastwirt aufgegeben, um Musiker zu werden. Es war immer umgekehrt“, sagte der kauzige Künstler, als er 2005 den Zapfhahn endgültig gegen die Bühne tauschte – ein Satz, der seine Biografie präziser zusammenfasst als jede Laudatio. Bereits 1996 gründete er gemeinsam mit Stefan „Buchi“ Buchholz die Seán-Treacy-Band. Buchholz ist bis heute als kongeniale Zweitstimme und als Percussionist dabei, der sich ganz auf die Cajon verlässt und damit erstaunlich viel Raum und Dynamik erzeugt.

Normalerweise komplettiert der Bassist Claus Bubik dieses musikalische Kleeblatt – grundsolide, atmosphärisch und mit trockenem Humor. Beim jüngsten Auftritt musste Bubik allerdings krankheitsbedingt passen. Eingesprungen war John Treacy, der 32-jährige Sohn des Bandleaders. Was nach familiärer Notlösung klingt, erwies sich als stimmige Erweiterung: John setzte mit Gesang und Gitarre einen echten Akzent der Abweichung in einem ansonsten vertrauten Programm.

Das Set glich nahezu exakt dem des Vorjahres, und genau darin lag seine Stärke. Gemeindegesang schon beim Opener „Dirty Old Town“, ausgelassene Chöre beim von Klaus & Klaus popularisierten „Wild Rover“, kollektives Mitsingen bei der inoffiziellen Dublin-Hymne „Molly Malone“. „I Don’t Like Mondays“ von Bob Geldof und seinen Boomtown Rats bekam – wie immer – Jubel, während die stillen Momente bei „Ride On“ von Christy Moore und beim schottischen Traditional „Black is the Color“ zuverlässig Gänsehaut erzeugten.

Einen besonderen Akzent setzte John Treacy mit „The Whole of the Moon“. Das ikonische Stück der schottischen Band The Waterboys, 1985 als Single aus dem Album „This Is the Sea“ ausgekoppelt, ist ein Song über Sehnsucht und den großen Blick aufs Ganze – und bekam an diesem Abend eine zusätzliche Ebene: Generationenwechsel ohne Bruch. Dazu die filigranen, erzählerischen Gitarren-Soli von Andreas „Andy“ Bock, der immer wieder Glanzlichter setzte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Seán Treacy landet einfach immer. Umso erfreulicher, dass er auch 2026 fest eingeplant ist: beim Frühschoppen am 09.08.2026 und beim nächsten Irischen Abend am 18.12.2026. Blätterkrokant eben. Man weiß, was man bekommt – und freut sich trotzdem jedes Mal aufs Neue.


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