„Man muss sich etwas trauen, wenn man gewinnen will“ – eine Mischung aus optimistischem Kämpfertum und bescheidener Selbstreflexion verströmte der erste „BarTalk“, der am vergangenen Donnerstag Abend aus der Kirchen-Bar in der Sakristei der Hockenheimer Stadtkirche übertragen wurde. Auch per Zoom und auf sehr großen Abstand ist dem Team um die Pfarrer Johannes Heck und Michael Dallinger etwas wunderbares gelungen: Die phasenweise rund 30 Teilnehmer der interaktiven Gesprächsrunde lauschten nicht nur den teils launigen Worten ihres Gemeindeoberhaupts – Dallinger war spontan für den eigentlich geplanten Amtskollegen eingesprungen -, sondern beteiligten sich rege mit eigenen Fragen und Gedanken an dem virtuellen Zusammentreffen.
Mit „BarTalk“ setzt die Evangelische Kirchengemeinde in den schwierigen Corona-Zeiten einen Akzent, der weit über die Grenzen der eigenen Gemeindesphäre hinausreichen kann: Im Gespräch bleiben, auch wenn man nicht mehr zusammenkommen kann, Gedanken austauschen, statt im eigenen Quarantäne-Saft zu schmoren.
Das soll mit einem offenen, sehr familiären und einladenden Format, bei dem die Hemmschwellen bewusst niedrig gesetzt sind einerseits, mit spannenden Gästen, die so gar nicht „von der Stange“ sind, andererseits gelingen – einwählen in die virtuelle Talkshow kann sich jeder, geplaudert wird mit Menschen, die das Hockenheimer Leben bewegen und doch ganz „wie Du und ich“ sind.
Den Opener machte Mario Böhm. Der 33-jährige Koch, der seine Sporen im „Marienhof“ im pfälzischen Flemlinger verdiente und in dem 700-Plätze-Haus eine Karriere vom Lehrling bis zum Stellvertretenden Küchenchef absolvierte, hat in Zeiten der höchsten Krise Anfang des Jahres den traditionsreichen „Güldenen Engel“ in der Heidelberger Straße übernommen.
Böhm sprach in einem charmanten Plauderton darüber, was ihn „geritten hat, mitten in so einer Phase ein Lokal zu eröffnen“ und versprühte mit seinernatürlichen, unprätentiösen Art einen Hauch von Optimismus und kämpferischer Freude in den „dunklen Zeiten“ der Corona-Einschränkungen: „Das Kochen ist kein Beruf für mich, sondern eine Leidenschaft“. Das merkt man dem Gastronom an, der sich zusammen mit seiner noch kleinen Crew aus einem Koch, zwei Servicekräften und zwei Fahrern aktuell mit „To bring“-Essen etabliert. Da gibt es dann Außergewöhnliches wie den Renner „Irische Ochsenbäckchen“ – es klingt anders, als beim Döner um die Ecke und kommt beim Publikum auch gut an, wie das Echo aus der Runde unter Beweis stellte. Die hatte die Chance, mit dem bodenständigen Böhm, der ein gebürtiger Hockenheimer ist und schon früh bei den Eltern, die einen Kiosk am Hockenheim-Ring betreiben, den Gastro-Bereich kennenlernte, kulinarische, persönliche und auch geheimnisvolle Fragen zu besprechen. Mehr vegane Angebote waren Thema, die Frage, wie er ohne staatliche Hilfen über die Runden kommt und das Rätsel wurde gelüftet, was eigentlich mit den beiden anderen Stöcken des 1690 erbauten, ältesten Gebäudes der Rennstadt verborgen ist: Ganz lapidar die Psychotherapeutische Praxis um Dr. Isabelle Bomba und eine Wohnung. Spannend waren die punktuell hitzige Debatte über die Problematik des Einweggeschirrs bei der Außerhaus-Verpflegung, die in einer brillanten Idee von einem Gemeinschaftsprojekt aller Gastronomen mit der Stadt in Form eines Mehrweg-Geschirr-Pfandsystems gipfelte und die Idee einer kulinarischen Begegnungsmöglichkeit für Alleinstehende und Bedürftige im „Güldenen Engel“: Wenn man wieder zusammenkommen könne, will Böhm einen Rahmen geben, damit sowohl Menschen, die sich ein „Normales Ausgehen“ gar nicht leisten können, als auch solche, die damit dem Alleinsein beim Essen entfliehen können unter seiner Gastfreundschaft beieinander sein können. Ein Projekt, an dem auch Pfarrer Michael Dallinger höchstes Interesse zeigte: „Das charmante wäre ja, dass man den Ort, wo immer gegessen wird, zusammenbringt mit der Gemeinschaft, die die Bedürftigkeit der Menschen eher im Blick hat“.
Zunächst aber gilt es, die Corona-Krise zu überstehen. Der begegnet das Team um Mario Böhm mit einer wöchentlich wechselnden Karte der Außergewöhnlichkeiten – diese Woche beispielsweise mit dem „Wirtshaus-Schlachtteller“ oder „Backfisch im Bierteig“. Pläne hat der Engel-Wirt für die „zeit danach“ auch bereits in der Tasche: Samstags soll es auch Drei-Gänge-Menues geben, für die er sich bereits jetzt Inspirationen holt.
Nach rund eineinhalb Stunden war – in fröhlicher Atmosphäre – der Premieren- Abend der Veranstaltungsreihe mit viel Lachen, manchem Gedankenanstoß und einer unterhaltsam-spannenden Plauderei vorbei. Applaus gab es – einer der größten Nachteile von Kultur im virtuellen Raum - keinen, aber ein durchweg positives Fazit.Und viel Vorfreude auf den nächsten „BarTalk“: Am Donnerstag, 15.04.2021, 20 Uhr lehnt sich dann der gefeierte Dirigent Dominik M. Koch an den Kirchen-Tresen und plaudert über die Frage „Was macht eigentlich die Stadtkapelle“.
Weitere Informationen im Internet unter www.gueldener-engel.de und www.evangelisch-in-hockenheim.de/onlineangebote.html