Die Ukraine-Krise, Prahlen mit neuen Atomwaffen, zahllose Vetos im UN-Sicherheitsrat, zuletzt der Fall Skripal – der Gedanke an Russland löst in letzter Zeit wieder vermehrt Unbehagen aus und lässt grübeln, ob Putins Föderation nicht auf dem Weg zum Schurkenstaat ist.
Bei der Planung des jüngsten „Bucht(r)ipps“ konnten Rosa Grünstein und Thomas Liebscher noch nicht wissen, wie beängstigend die aktuellen Entwicklungen sein würden, aber sie wollten ohnedies zeigen, dass die Beschäftigung mit dem flächenmäßig größten Staat der Erde und vor allem seiner Literatur „wunderschön“ ist – „so lange sie nicht an Putin und die Politik heute denken“.
Gesagt, getan: Am vergangenen Freitag Abend habe die Landtagsabgeordnete a.D. und der Mundart-Dichterfürst bei Dieter Reif und rund 40 Gästen in der „Zehntscheune“ mit ihrer traditionsreichen Veranstaltungsreihe in dem transkontinentalen Riesenreich Station gemacht – und mit vier Vertretern der jüngeren russischen Literatur gezeigt, dass man sich dem Land auf sehr unterschiedliche, immer aber auch auf humorvolle Weise nähern kann.
Die Bucht(r)ipp-Crew startete mit Elena Chizovas Roman „Die stille Macht der Frauen“ (dtv 2012, 280 Seiten). Drei Omas, eine Mutter, ein Kind: Lebens- und Leidensgenossinnen, die sich – auch wegen des Kindes, das stumm ist, was in der auf Produktivität getrimmten Welt ein existentieller Makel ist – immer besser verstehen. Besonders liebe er die „kleinen Sabotageakte der orthodoxen Frauen in einem vielschichtigen Roman über die Vergangenheit der Sowjetunion und die naiven Hoffnungen der sozialistischen Jugend“, so Liebscher. „In ganz einfachen Worten das ganz einfache Leben dieser ganz einfachen Leute“.
Liebschers zweite Präsentation entführte in die pralle und immer auch extrem verrückte Künstler-Welt in den 1980er Jahren: Julia Kissinas autobiografischer Roman „Elephantinas Moskauer Jahre“ (Suhrkamp 2016, 220 Seiten). „Ein Buch voller schriller Metaphern – in jedem Satz eine Pointe vom prallen Künstlerleben“. Und genau so präsentierte er es auch, mit von viel Lachen begleiteten skurrilen Szenen mit „Tomaten-Guru“ und Künstlern, die sich vorrangig durch den Grad des „Besoffenseins“ apostrophieren.
Die für ihre eloquente, immer ganz besonders fesselnde Vortragsart seit 1995, als der erste „Bucht(r)ipp“ startete, bekannte Rosa Grünstein gab zunächst Alina Bronskys „Baba Dunjas letzte Liebe“ (Kiepenheuer & Witsch 2015, 160 Seiten). Bronsky, die seit Anfang der 1990er in Deutschland lebt, zeichnet damit „ein unheimlich anrührendes Portrait einer alten Frau“ nach, „die trotz aller Widrigkeiten ihr Leben in Händen behält“ – während und gerade indem sie in das verstrahlte Gebiet um Tschernobyl zurückkehrt. „Eine skurrile Gesellschaft bizarrer Menschen, zwischen denen die Toten wandeln“. Und bei der schwierigen Thematik überraschend konstatiert Grünstein: „Es ist so zauberhaft, humorvoll und liebevoll – lesen sie es!“
Das von Soljanka und Blintschiki auch kulinarisch verwöhnte Auditorium wurde mit währen Lachsalven verabschiedet: Alexej Slapowskys „Formular“ (Claasen 2001, 320 Seiten) entspinnt um die selbst schon reichlich perfiden 350 Fragen eines Formulars zur Aufnahme in die Miliz die Geschichte eines 39-jährigen „Kreuzwortlers“. Der findet sich irgendwo in der direkten Nachfolge Nabokovs und den so realitätshörigen Forderungen seiner Schwester bei fünf Rendezvous findet und lässt entlang der Formular-Fragen sein Leben Revue passieren. „Am Ende bleibt er Kreuzwortler, überlegt aber auch, Präsident Russlands zu werden“. Gerade die von Grünstein ausgewählte Passage über sein erstes Treffen mit einer der von der Schwester ausgesuchten „Annoncen-Frauen“ bewies in ihrem ganzen sprühenden Witz: Der Autor schreibt über einen „Helden unserer Zeit – im schlechtesten Sinne des Wortes!“
Der nächste „Bucht(r)ipp“ startet am Fr., 26.10.2018 – das Ziel ist noch nicht bekannt.